Dokumentation IAA Frankfurt 2003: Veranstaltungsablauf GM Premiere Night

Das Gefühlsgedächtnis

Seit 1878 gilt das Mysterium Wahrnehmung als wenigstens teilweise entschlüsselt. Hirnforscher Paul Broca benannte die „Gefühlszentrale“ im Gehirn mit dem Begriff „Limbischer Lappen. Eine hochaktive Gehirnregion, heute allgemein als „Limbisches System“ bekannt. Hier werden eintreffende Reize analysiert und Botenstoffe ausgeschüttet, die uns fühlen lassen. Endorphine. Körpereigene Drogen, die zur Gruppe der Morphine gehören, und aus denen Gefühle geboren werden. Fühle ich mich wohl und sicher? Empfinde ich Angst? Erregung, Wut, Glück? Anspannung, Entspannung, Resignation, Euphorie?

 

Dieser Vorgang dauert nur Sekundenbruchteile, hat aber lebenslange Konsequenzen für unser Handeln. Denn das sogenannte Körper- oder auch Gefühlsgedächtnis ist in der Lage, einmal Erlebtes und Gefühltes so abzuspeichern, dass daraus ein dauerhafter Triggereffekt entsteht.

 

Erleben wir eine Situation, die uns auch nur ansatzweise an eine emotional aufgeladene Situation in der Vergangenheit erinnert, schüttet unser Limbisches System die ganze dazugehörende Kaskade an Botenstoffen aus. Unabhängig davon, ob diese heftige Empfindung der aktuellen Situation angemessen ist oder nicht. Mit bewusstem Denken hat das wenig zu tun, die Botenstoffcocktails mixen sich von selbst. Weshalb es Körper- oder Gefühlsgedächtnis heißt.

 

Der Schlüssel zu einem guten Event liegt in der „Fühlbarkeit“ einer Situation: „Dinge bestehen nicht aus noch mehr Dingen. Sondern aus Gedanken, Konzeption, Informationen.“ Fred Alan Wolf, Ph. D., Quantenphysiker und Bewusstseinsforscher.

 

Szene. Freitagabend, 19.56 Uhr.

Auf der Einladung steht „Produktpremiere mit Sektempfang“. Okay, nur schade, dass mich keiner empfängt. Den Sektgenuss muss ich mir offenbar erst erarbeiten, denn vor dem dunklen, schemenhaften Eingang bildet sich eine Warteschlange. Und das bei der Hitze. Unentschlossene Gäste, die weder rein noch raus wollen. Allgemeines Füßescharren. Ich schiebe mich nach innen. Der Präsentationsraum ist voll! Ja, voll was eigentlich? Der Raum selbst, schwer zu beschreiben, es ist laut, ein Brei von Stimmen, Musik und Gerüchen, ja, wonach riecht es eigentlich?

 

Zwar behauptet unser Verstand, dass Fluchtinstinkte im Multimedia-Zeitalter keine Berechtigung haben. Doch sie existieren aller Zivilisation zum Trotz und prägen unseren Alltag in jeder Sekunde. Und wer schon einmal als Besucher eines Events dieses Bauchgefühl von „Komm, lass uns gehen“ hatte, lässt die nächste Einladung dieses Gastgebers mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ungelesen im Altpapier verschwinden. Egal wie teuer die Aufwendungen und wie umwerfend das vorgestellte Produkt auch sein mögen, er wird es sich lieber in Ruhe zu einem späteren Zeitpunkt ansehen. Schade eigentlich!

 

Szenenwechsel. Freitagabend, 19.56 Uhr.

Hallo! Mir ist heiß. Eine charmante Mitarbeiterin reicht mir ein nach ätherischen Ölen duftendes und erfrischendes Tuch. Dankeschön! Und schon bin ich drin. Hätte nie gedacht, dass Industrie-Architektur der Jahrhundertwende, Kathedralen der Macht, nannten es die Siemens’ und AEG’s ihrer Zeit, so spektakulär zu den präsentierten High-Tech-Features der nächsten Generation passen könnte. Digitale Revolution trifft Industriekultur und ergibt doch eine Einheit.

 

Ich finde mich zurecht, obwohl ich noch nie hier war. Intuitiv finde ich meinen Weg, meine Gesprächspartner. Es läuft gut, ich fange an, mich zu entspannen. Der Holzboden ist angenehm unter den Füßen. Der Duft erinnert mich an Sommer. Im Hintergrund Musik, ich fühle mich gut. Kulinarische Kleinigkeiten kitzeln meinen Gaumen, dabei hat der Abend noch gar nicht richtig begonnen...

 

Riechen, fühlen, hören, schmecken – unser Gehirn speichert diese Sinneswahr- nehmungen als positive Erinnerung in unserem Gefühlsgedächtnis. Und dieses wird nicht erst nach dem Event aktiv, sondern bereits in dem Augenblick, in dem das Ereignis zum Erlebnis für unser Bewusstsein wird. Denn das Limbische System arbeitet in hochprozessierten Raten, von denen Chiphersteller nur träumen können. Ergebnis: Die Situation lädt sich vom ersten Augenblick an positiv auf. Und wir zweifeln keine Sekunde daran, dass es eine gute Entscheidung war, diesen Ort aufzusuchen.

 

Mission erfüllt? Mitnichten, denn jetzt wird es noch interessanter. Die Begrüßung war nur die Ouvertüre. Das „Belohnungszentrum“ im Gehirn will mehr. Viel mehr. Also bekommt es mehr. Den Hauptakt. Das, worum es beim Event eigentlich geht. Informationen, Präsentationen, Kontakte. Marken, Namen, Produkte. Worte. Bilder, Musik, Inspirationen. All das muss nicht mühsam vermittelt werden, sondern wird begierig aufgenomen. Von einem Gast, dessen Bewusstsein sich dank konsequent choreografierter Sinnesreize und professionell geplanter Abläufe in einem angeregten, positiv gestimmten Zustand befindet.

Dieser Zustand bleibt dank des Gefühlsgedächtnisses für immer abrufbar. Lebenslang, und das ist wörtlich gemeint.

 

Zum Beispiel beim Journalisten, der mit der Überzeugung nach Hause geht, dass sich der Abend gelohnt hat und später über das Erlebte positiv schreibt. Nicht, weil er muss, sondern weil er nicht anders kann ... oder bei den Gästen, die ganz von selbst zu PR-Mitarbeitern des Gastgebers werden ... oder bei den Mitarbeitern, deren Gefühlsgedächtnis nicht nur beim Event für Elan und Einsatzfreude sorgt, sondern auch für die Zukunft eine unzerstörbare Verbindung von Gutfühlen und Auftraggeber bewirkt ... oder beim Kunden, der sicher sein darf, dass all diese positiven Emotionen und Erinnerungen untrennbar mit seiner Marke und seinem Produkt verbunden werden...

 

10.000 verschiedene Realitäten in einem Raum

Zehntausend Menschen bejubeln einen Superstar auf der Bühne. Sie sehen ihn, hören ihm zu, fühlen Euphorie, verschütten Bier, machen sich Heiratsanträge, prügeln sich, singen laut und falsch mit, brechen in Tränen aus, filmen, fotografieren und bootleggen, erleben Kreislaufzusammenbrüche, verlieben sich, klauen Handtaschen, finden Halskettchen, sammeln Autogramme und sind überzeugt, alle beim selben Konzert zu sein.
Sie sind es nicht!

 

In einer Halle mit zehntausend Konzertbesuchern existieren zehntausend verschiedene Realitäten. Alle zur selben Zeit. Der Gedanke ist abenteuerlich, bahnbrechend und gleichzeitig elementar. Ein Event multipliziert sich selbst mit der Anzahl derer, die es erleben. Und wird dadurch zur vielfach existierenden Empfindung. Weil das Gefühlsgedächtnis bei jedem Menschen individuell arbeitet. Doch es gibt eine Schnittmenge. Einen gemeinsamen Nenner, auf den man sich einigen kann und aufgrund dessen den Quantenphysikern zufolge unsere Realität als solche überhaupt existiert. Wenn man es nun schafft, diesen gemeinsamen Nenner so zu gestalten, dass zehn, hundert oder zehntausend Beteiligte ihn dauerhaft mit ähnlichen positiven Emotionen verknüpfen können.